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Sinfoniekonzerte zum Jahresende
Engadiner Post, Donnerstag 3. Januar 2002
Beethoven musikantisch
Auch an diesem Jahresende gelang es dem Sinfonieorchester Engadin
in seinen vier ausverkauften Konzerten sein Publikum zu begeistern.
Ludwig van Beethoven gab mit seiner 3. Sinfonie und dem 3.
Klavierkonzert den zündenden Funken für Ausführende und
Zuhörerinnen und Zuhörer, das vergangene Jahr hoffnungsvoll und
musikalisch erfüllt zu beenden.
Drei Männern ist dieser Erfolg hauptsächlich zu verdanken: Markus Strasser, Initiant, Organisator und Konzertmeister, der mit bewundernswertem Einsatz alles regelt, vom Finanzplan bis zum letzten Detail, Marc Andreae, der wie mit einer Familie zusammengewachsen ist und gelöst, dabei kompetent musiziert und last but not least Gerhard Oppitz, der mit seinem phänomenalen Klavierspiel Beethovens geniale Musik zum klingen brachte.
Wenig erinnerte im ersten Satz daran, dass Wilhelm Kempff einst sein grosser Mentor war. Gerhard Oppitz hat einen glasklaren, aber nie trockenen Anschlag, der schon beim ersten Einsatz nach dem langen Vorspiel im dritten Klavierkonzert sich prägnant einführte. Er verstand es, nie das vom Orchester vorgegebene Stimmgeflecht zu übertönen. Mit Sensibilität stellt er das erste, männliche Thema, das schon auf die 3. Sinfonie hinweist, dem innigen, weiblichen Gesangsthema gegenüber, dialogisiert lebendig, ohne störende Rubati mit den Orchestergruppen, da war manch herrlicher Moment zusammen mit den Bläsern zu hören. Kempffs Spiel war gewiss romantischer, Oppitz spielt straffer, ohne Verzögerungen das Tempo durchziehend und klar strukturiert. Hochvirtuos und drängend geriet die Kadenz, vermutlich weitgehend das Original von Beethoven.
Im zweiten Satz, einem gar himmlischen Largo, ist eine ganz andere Palette von Gerhard Oppitz auszumachen. Mit ergreifender Intuition wird hier tiefer Friede, sogar eine gewisse Idylle ausgestrahlt, die aber nie in allzu gefühlige Sentimentalität abgleitet. Ganz wunderschön der Zwiegesang zwischen Flöte und Fagott, von harfenähnlichen Klängen des Klaviers umrahmt. Im lebhaften Abschluss-Rondo werden Geister übermütiger Freude und gutartigen Humors beschworen, der Farbreiz der Modulationen weist darauf hin, dass Beethoven nun ganz bewusst neue Wege geht, ohne deshalb überbrachte Formen zu umgehen. Spritzige Spielfreude ergriff Pianist und Orchester, ein geistvolles Wechselspiel mit kleinen rhythmischen Delikatessen bewies das hohe Niveau, auf dem sich die Musiker, Solist und Dirigent treffen konnten. Eine gehaltvolle, dem Werk in jeder Phase gerecht werdende Interpretation, die vom Publikum mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde.
Aus dem Orchester kam der Wunsch, Beethovens «Eroika» zu spielen. Marc Andreae tat sich lange damit schwer, war doch bisher eher leichte Klassik zum Jahreswechsel angesagt. Als man sich schliesslich doch entschloss, sie dem 3. Klavierkonzert gegenüber zu stellen, ahnte niemand, welche Aktualität dieses Werk an diesem Jahresende haben würde.
Die schrecklichen Ereignisse am 11. September, in Zug und am Gotthard und der Niedergang der Swissair, liess wohl kaum Lust auf «leichte» Kost aufkommen. Viel ist in diese dritte Sinfonie schon zu Lebzeiten Beethovens hineinmanipuliert worden. Aber ist es nicht einfach so, dass sich seine Persönlichkeit derart stark entfaltet hätte, dass er Mozart und Haydn als Vorbilder abstreifen wollte, um eigene Wege der Sinfonik zu beschreiten? Natürlich mussten dabei persönliche Stimmungsbilder einfliessen, schon im ersten Satz ist diese eigentümliche Spannung zwischen freudigem Schwung und schmerzlicher Resignation zu spüren.
Wie wundervoll sangen die Celli diese Einleitung nach dem ff-Schlag des ganzen Orchesters. Zwischen Es-Dur und g-moll kreist die Musik, die Durchführung bricht mit allem herkömmlichen. Ein musikalisches Geschehen von stärkster innerer Dramatik zieht sich bis zur Reprise. Die Coda in der noch einmal das Hauptthema aufklingt, wird zu einem selbstständigen Schlussteil aufgetürmt. Das alles wurde mit grösster Spannung und Engagement musiziert, die Bläser fielen immer wieder mit feinen Einschüben auf, die Trompeten hin und wieder etwas zu dominant. In seiner Tiefe, Reinheit
und Erhabenheit hat der zweite Satz, «Trauermarsch», kaum ein gleichwertiges Gegenstück. Ein schwermütiges Hauptthema wird einem tröstlichen Gegenthema gegenüber gestellt, mit einem wehmütigen Abgesang von poetischer Schönheit verklingt diese ergreifende Musik, der sich wohl kaum ein Zuhörer entziehen konnte.
Marc Andreae führte das Orchester mit Flexibilität bis zum zarten Pianissimo, die Bläser konnten sich öfters besonders tonschön und ausdrucksvoll entfalten. Klarinetten und Hörner boten herrliche Momente, diese konnten sich dann besonders im Trio des Scherzo in Szene setzen. Hier bricht Beethoven mit dem bisher üblichen Menuett, ein phantastisches Drängen und Jagen zieht geisterhaft vorüber und endet wirbelnd in einer kurzen Coda. Prächtig spielte auch hier das Orchester auf, die Pauke war schlagkräftig präsent. Und dann der Schlusssatz: mit leichter Hand kunstvoll verbunden werden Variationen von wechselndem Stimmungsgehalt, um schliesslich dem Werk einen schwungvollen Ausklang zu geben. Eine Meisterleistung des Orchesters, Marc Andreae konnte alle Register von rhythmischem Vorwärtsdrängen zu dezentem Innehalten und gelegentlichen Rubati klar vermitteln. Was kommt da als Dreingabe nach solch einem aufwühlenden Werk, bei dem die Musiker alles geben mussten wohl in Frage? Auch hier hatte der Dirigent
passendes gefunden: Aus einer Opernouvertüre von P. I. Tschaikowsky die Mazurka, in ihrem elegisch-tänzerischen Duktus vom Orchester bestens getroffen. Langer Applaus der insgesamt rund 2000 Zuhörer in Pontresina, Zuoz, Sils und Celerina für ein grossartiges Konzert, dass wohl noch lange in uns nachklingen wird und Hoffnung auf ein besseres Jahr 2002 hinterlässt.
Gerhard Franz
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